18
Feb
2011

Goodbye Logik.

Einmal im Jahr muss man zur Pflichtroutineuntersuchung beim Zahnarzt. Und wenn der Besuch an sich nichts Aufmunterndes hat, so aber die dort ausliegenden Klatsch- und Tratschblätter, die man sich sonst bewusst selten zu Gemüte führt. Diese sind im höchsten Maße eine recht belustigende Abwechslung. In einer nicht unbekannten Frauenzeitschrift heisst es, dass man als sexueller Autist gilt, wenn man als Frau in den Zwanzigern nicht mindestens jede Woche einen fremden Typen in ihr Bett lässt. Nun gut, erstens bin ich dann wohl ein Autist, was ich bis dato nicht wusste und zweitens, was soll diese Behauptung überhaupt?! Ist es nicht vielmehr eine Auszeichnung, wenn man nicht jeden dahergelaufenen Mann abschleppt? Zeugt das nicht eher von einem starken Charakter, besser von einem gewissen Anspruch, den man für sich und sein Bett festgelegt hat?

Diese zwischenmenschliche Ebene ist ja nun an sich schon eine komplizierte Sache und irgendwie scheint sie sich immer komplizierter zu gestalten je älter man wird. Dann bauen genau solche Artikel noch mehr Druck auf und lassen einen unumstößlich nachdenken, ob mit einem selbst etwas nicht stimmt…bzw, ob gerade alles stimmt, weil man mit etwas über Mitte zwanzig nicht mehr alles mitmachen muss, und will…

Natürlich haben die Autoren des Artikels im gewissen Maße Recht, man lässt Chancen an sich vorbeiziehen, die vielleicht etwas Großes hätten werden können. Jeder kennt das, man lernt jemanden kennen, ist von dem was er sieht begeistert, denkt an Sex, will anfänglich auch nicht mehr, doch dann…Man lernt ihn/sie besser kennen, stellt Gemeinsamkeiten fest, fängt an den/diejenige zu mögen und schon ist der Sexgedanke nebensächlich, nicht ganz natürlich, man will im Prinzip nichts anderes, eine hemmungslose, schmutzige Kopulation…. aber, irgendwie zu diesem Zeitpunkt auch schon mehr… Sicherheit, die Gewissheit, dass man am Leben des anderen teilhaben darf, dass man nicht nur zu einem kurzen Stelldichein bestellt wird. Jetzt ist für die Meisten, wohlgemerkt für die meisten Frauen, der Augenblick des Rückzugs gekommen. Und dass, ohne auf ihre Kosten gekommen zu sein. Verrückte Welt! Wahrscheinlich muss man die Gelegenheit doch direkt beim Schopfe packen.

Vielleicht sucht man einfach zu sehr nach dem großen, vollendeten Glück, wahrscheinlich auch so eine end-zwanziger Masche, und schlägt, kleine, sich ergebende Gelegenheiten, aus Angst der Situation, dem was an Emotionalität folgen könnte, dem Gefühl eventuell verfallen zu können, aus.

Man merkt erst im Nachhinein, dass so eine unkomplizierte, zwanglose „Beziehung“ schön gewesen wäre, einfach, weil der Moment, die vielleicht sich häufenden Momente in diesem Augenblick perfekt gewesen wären und einen glücklich gemacht hätten…jetzt bereut man, dass man die Chance verpasst hat und das schmerzt manchmal viel mehr. Schlimmer noch, die Situationen lassen sich nicht wieder herstellen, so sehnlichst man es sich auch wünscht.

…manchmal sollte man einfach, über seine Ansprüche, Vorstellungen, kleine Hindernisse, wie Unwohlsein, oder auch Migränezustände (was manch Frau zum Anlass nimmt) hinwegsehen, sich einfach hingeben….

…manchmal sollte man eine Sache einfach laufen lassen, dem Herz Paroli bieten, es in den ersten Begegnungen zum Schweigen bringen, denn manchmal, nicht oft, kann aus anfänglicher purer Fleischeslust, aus dem vermeintlich „halb-garen“ etwas Wunderbares werden.

Sei es eine längerfristige Affäre, Beziehung oder einfach die Erinnerung eine schöne Zeit gehabt zu haben.

Also, nicht dem Anspruch der Zeitschrift gerecht werden und wöchentlich fremdkopulieren, aber schon die Augen aufhalten!

Mit der schockierenden Erkenntnis, dass ich durchaus Potential zur Klatsch-und Tratsch-Redakteurin habe, verabschiede ich mich und widme mich wieder den wichtigen Dingen des Zeitgeschehens.

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